Aktuell bin ich in Bali und mache Sommerpause.
Was ich vorher nicht wusste, ist, dass heute am 17. Juni die Hindus Galungan feiern, ein Fest, bei dem der Sieg des Guten über das Böse gefeiert wird.
Nach dem balinesischen Glauben steigen auch heute die Geister der Vorfahren und Götter herab, um ihre Familien zu besuchen.
Auch meine Familie hat mich heute beim Yoga besucht und mich an ein Thema erinnert, das mir dieses Jahr extrem wichtig wurde:
Der Sieg des Guten über das Böse in meiner Geschichte, Herkunft und Familie, was ich als Purpose verstehe.
Um Purpose tief zu verstehen, will ich dich mit auf meine Reise nehmen, denn wir brauchen die Geschichte als Vermittler von Bedeutung. Es ist eine Geschichte, die mit meiner Geburt und dann unbewusst hin zu bewusster vor etwas mehr als 14 Jahren begonnen hat.
Ein Anfang dieser Geschichte ist die Herkunft meiner prägenden Familienseite. Diese bestand großteils aus deutschsprachigen Siedlern aus dem Herzen Ungarns, sogenannte Donauschwaben, die nach dem zweiten Weltkrieg enteignet und vertrieben nach Deutschland flüchten mussten.
Einen Platz haben sie in Baden-Württemberg gefunden, in dem Haus, das der Ort meiner Kindheit werden sollte. Ein gespenstisches Geheimnis in den Wänden dieses Hauses war unsere Herkunft und später der frühe Tod meines Opas Sebastian. Der war mit Mitte 30 an einem Herzstillstand im Hof des Hauses an einem Auto arbeitend plötzlich erlegen.
Eine der brutalsten Erinnerungen für mich war vor einigen Jahren ein Bilderbuch, das mit diesem Bruch in der Familie von einem auf das anderen Jahr die Kinder plötzlich zehn Jahre älter aussehen lies. Meine Mutter war damals 4 Jahre alt, mein Onkel 14.
Ab diesem Zeitpunkt wurde Trauer zum Funktionieren und das Funktionieren zum tiefen Groll in der Familie. Ich wünschte, dass diese Wut ihren Ausdruck hoch in die Trauer gefunden hätte, doch ihr Ausweg war durch Jahrzehnte nur ein Druckventil, das sich in unvorhersehbaren Landmienen aus roher Gewalt entladen hat und dann wieder versteckt wurde.
Die beste Ausbildung meines Lebens.
Denn heute weiß ich, dass die Angst vor der Wut nur die Angst vor der Trauer ist, mit der wir befürchten, endgültig auch von uns selbst verlassen zu werden – und nicht verstehen, dass wir dadurch eigentlich ins Herz nach Hause kommen.
Meine bildhaftesten Erinnerungen als Kind ist der Blick aus dem Bunker unter der Eckbank im Esszimmer, deren Mittelteil mir eine Höhle geboten hat, durch deren Eingang die riesigen Erwachsenen nicht passen konnten. Wann immer in der Küche Teller, Arme und Worte flogen, war ich augenblicklich wieder in meinem Versteck. Ich kenne den Herzschlag, die Hitze und die Enge im Komfort dieser Höhle, die meine innersten Bilder mit düsterer Höhlenmalerei geschmückt hat. Wenn die Welt um mich herum so ist, muss ich der Ursprung sein.
Heute weiß ich, dass die Scham ein kindlicher Versuch ist, die Welt zu kontrollieren, indem wir die äußere Welt mit uns verwechseln – die Schuld des Grauens in unsere Verantwortung nehmen und oft lange oder nie den Verursachern zurückgeben.
Meine Oma war die Seele der Familie, das Gewächshaus der Verpflegung und der gordische Knoten, der unter brutalem Zerren alles irgendwie zusammenhielt. Sie hat geputzt, gewaschen, gepflegt, eingecremt, abgewischt, poliert und parfumiert, was irgendwie hätte kaputt aussehen können. Hätte sie das Geschrei im Haus den Nachbarn aus den Ohren waschen können, hätte sie es gemacht. Die Blicke und Gesten der Nachbarn waren die Kameras auf das Haus unter Generalverdacht. Für mich war es nur ein verschwommenes Gefühl von Beobachtung, doch aus heutiger Sicht waren wir das Gespensterhaus, das nicht in die verzweifelt hergestellte Harmonie des Dorflebens passte.
Heute weiß ich, dass der Versuch, alles zusammenzuhalten, was längst kaputt ist, ein Versuch ist, den Zyklus aus Tod und Auferstehung zu umgehen und dadurch die Erneuerung zu unterbinden. Das geht nur, wenn wir nicht in die Augen derer schauen, die längst Bescheid wissen.
Ich erinnere meine ungarische Uroma, die Mutter Erde der Familie, Naturgewalt aus Durchdringung und Verteidigung von Tradition, Werten und der Wirklichkeit. Und von mir. Wann immer ich in Mitleidenschaft gezogen wurde, hat sie mich bis auf die Knochen verteidigt. In einer Minute hat ihre Stimme aus dem Erdgeschoss gebrummt, als hätten tausend Zigaretten ihre Stimmbänder geschmirgelt. Eine Minute später gab es zur Beruhigung für meine Seele ein Stück Butter zum Naschen.
Heute lebt sie als Ressource in mir, wenn ich berauscht von Gerechtigkeitssinn durch eine Wand dresche und mich wundere, warum ich im Nebenzimmer stehe. Werte sind deine größte Kraft, wenn sie tiefe Wurzeln in deiner Geschichte finden.
Mein Onkel hat den Schock durch den Verlust seines Vaters nie verdaut. Er wurde zum alkoholisierten Vulkan der Familie. Und er war mein einziges männliches Rollenmodell. Der Mann, an dem ich hochwachsen musste. Unser Ritual waren Wochenenden mit immer gleicher Struktur auf die ich mich freute, obwohl sie mir Angst machten. Freitagabends wurde ich zum Bierboten für Blockbuster Actionfilme von Terminator bis Blade, gefolgt vom Idioten im Fernsehen anschreien und Formel 1 Rennen am Sonntagmorgen. Mein Onkel war Zeit seines Lebens Liebhaber von Ferraris, vor allen die roten Boliden. Und Michael Schumacher als Ferraristi war deutsches Blut, das sonntags schuldbefreit stolz fließen durfte. Ah, und da war durchgehend sein ohnmächtiges Mantra beim Rauchen aus dem Küchenfenster, das sich wie ein Krebs durch alle Möbel fraß: “Ich verrecke eh bald.” Ich passte nicht mehr in die Höhle unter der Sitzbank, also blieb mir nur Lachen als Weg der Verarbeitung.
Heute weiß ich, dass die Erleichterung nur eine Hoffnung war, dass die Angst uns endlich verlässt, die andere in uns gepflanzt haben. Und ich weiß, dass der Mut die Angst zerstört, Hoffnung in Eigenmacht wandelt und die entstehende Leichtigkeit keine Erleichterung mehr braucht.
Ich meine mich an meine Mutter erinnern zu können, lange bevor ich aus dem Bauch war. Ich erinnere mich an ihre Angst, als Jugendliche in einem Dorf in den 80ern schwanger zu sein. Ich spüre das Adrenalin in ihrer Brust, das auch in meinem Blutstrom war. Und ich spüre eine gewaltige Liebe, die sich für mich entschieden hat. Ich weiß um das Glück, gegen jede Wahrscheinlichkeit hier zu sein.
Heute weiß ich, dass wir alle am Leben sind, weil mindestens eine Person uns liebt.
Ich könnte dir meine halbe Lebensgeschichte erzählen und du wärst absolut verblüfft, dass alle Stränge im Herz enden.
Hier ist eine Anekdote, die viele zusammenführt:
Jahre später hat sich das Mantra meines Onkels bewahrheitet. Bei einer Operation an seinem Herzschrittmacher wurde ein randvoller Bienenstock aus Bakterien angestochen, der sich rasend schnell in seinem Körper ausbreitete. Ich weiß, wie viel Angst er vor der Operation hatte, weil ich drei Jahrzehnte lang darin ausgebildet war, seine Emotion aus nur einem einzigen Laut eines Satzendes zu lesen. Zwölf Stunden lang hat mich meine Oma gegen meinen Ekel dazu gedrungen, seine kalte Hand an der Bettseite zu halten. Die halbe Familie war nervös, weil der Vulkan zu erlöschen drohte.
Als dann der Pastor für die letzte Segnung kam, klebte man ihm die Augen zu. Sobald der Pastor sprach, wurde der gesamte sein Körper von einem Ausbruch aus Aufbäumen und Kopfschütteln erfasst, der das Bett inklusive aller Messgeräte und Infusionsständer in absolutes Chaos erbeben ließ. Dieser Moment hatte die Macht die Fasern der Realität zu verbiegen und war eines der mystischsten Erlebnisse meines Lebens.
Der Todgesalbte blieb weiter am Leben, zumindest den Geräten zufolge. Nach stundenlangem Ringen ging ich in das drei Meter entferne Wartezimmer, um mir eine Zeitschrift anzuschauen. Sieh die Szene aus eigenen Augen und fühle mit: Ich schlage die Auto Bild auf, ein roter Ferrari springt mir ins Auge, eine Hand greift meinen linken Arm, fünf Sekunden später blicke ich an die Decke über dem Krankenbett der Seele meines Onkels nach. Im Andachtsraum des Krankenhauses denke ich, ich sollte weinen, doch da liegt nur eine Hülle um Fleisch.
Diese Momente führten zu einer profunden Veränderung meiner Wahrnehmung.
Ich wusste, warum mein Onkel mit mir an seiner Seite nicht aus dieser Realität gehen konnte. Alle prägenden Momente flogen an meinem geistigen Auge vorbei. Den Hass, den er gegen meine Uroma hegte, obwohl ihre Appelle immer der Trauer der Familiengeschichte galten. Den Groll gegen meine Oma, die ihn bis Mitte 50 bekocht und gepflegt hat, als wäre er das größte Baby, das man mit Liebe überschütten muss, damit es nicht traurig ist. Die Aggression gegen meine Mutter, die mit mir im Bauch noch mehr Trubel in das Chaos bringt. Die Ohnmacht, dass er als 14-jähriger keine Wahl hatte, als unter der Last des Todes seines Vaters in Wut und Alkohol zu ertrinken. Die Scham, die er empfand, immer wieder und schon wieder seiner Schwäche vor meinen Augen, Ohren und Gefühlen zu erliegen.
Ein riesiges Gewicht, das scheinbar zu viel für eine Seele ist, wenn man es in Tonnen messen würde. Es war seine Aufgabe, den Mut in sich zu finden, damit die Seele Frieden findet. Es war die Aufgabe, in die Augen derer zu schauen, die längst Bescheid wissen. Es war die Aufgabe, nicht mehr zusammenzuhalten, was längst kaputt ist. Es war die Aufgabe, die Adern mit Liebe zu fluten, damit die nächste Inkarnation nicht wieder am Herz blutet. Er konnte nicht gehen, weil es nicht fertig war. Ich war ihm am nächsten und ich war der, der längst Bescheid wusste.
Heute weiß ich: Egal welche Geschichte durch deine Familie spukt, sie wird zu deiner, weil mit deiner Geburt ein Samen gepflanzt wird, an dem die Vergangenheit einen neuen Ursprung findet, von dem aus du zum Licht hin wächst. Mein Samen hatte sogar schon einen Namen: mein zweiter Vorname ist Sebastian.
Kannst du ahnen, welchen Auftrag ich aus dieser Geschichte ziehe? Erkennst du Puropse als etwas, das du nicht wählen kannst, weil es dich längst gewählt hat?
Ich will dir sagen: hab keine Angst vor der Vergangenheit, denn sie ist in die Zukunft gerichtet das Elixir, mit dem du Heilung schenkst. Wenn du heilst, geht die Vergangenheit nicht weg – sie wird deine Kraft. Du kannst nur wirken, wenn du diesen Transfer schaffst.
Was ich unter der Sitzecke im Halten und Aushalten der Angst gelernt habe, kann kein Mensch der Welt studieren. Ich bin so oft in der Emotion gestorben, dass heute nur eine dünne Glaswand mich von den Emotionen anderer trennt. Ich fühle die Wut, die Trauer, die Scham und ich habe keine Wahl, als sie zu lüften. Der Rest ist Training und Timing. Zeig mir Hass, Missgunst und Boshaftigkeit und du siehst mich im Rausch meiner Werte, weil ich weiß, wie sich Ungerechtigkeit anfühlt. Zeig mir einen Raum aus tausend Menschen und ich finde die unsichtbare Tretmiene in Worten, Sätzen und Szenen. Und ich trete lachend drauf, weil ich die Explosion brauche, damit ich die Bombe nicht tragen muss. Ich bin wahnsinnig genug, ein Bein zu verlieren, damit etwas Neues nachwächst.
Mein Purpose ist meine eigene andauernde Herausforderung, mit dem Herz zu sehen, die Mauern darum zu sprengen, mit Mut zu führen, mit Werten zu lieben, die Angst zu zähmen. Das ist der Auftrag, den ich ausführen muss – und es ist gleichzeitig das, was ich schenken kann. So wie ich das gerade schreibe, geht mein Herz ein Stück weit auf und eine Träne schreibt mit.
Meine Heilung ist die einzige Heilung, die ich zu bieten habe. Je mehr ich heile, umso klarer sehe ich die Wunde im Gegenüber. Je mutiger ich bin, umso mehr kann ich für mich und für dich einstehen. Nur so wird aus Schicksal Bestimmung.
Purpose ist, das Dharma und Adharma unserer Geschichte zu erkennen und die Energie mit den Werten in unserem Herz zu reinigen, bevor wir sie in die Welt weitergeben.
Der Schmerz ist der Riss in der Wand um das Herz, durch den das Licht eindringt. Ich weiß, dass uns die brutalsten Widersacher im Schmerz gelehrt haben, was Liebe bedeutet. Und ich weiß, dass die Engel unserer Geschichte uns gezeigt haben, wie wir das Gute im Bösen sind.
Es wäre einfach aus meiner Geschichte zu schließen, dass das ganze Leid hätte vermieden werden können, wären die anderen nur anders gewesen. Wenn du näher hinschaust, verstehst du, dass es diese parallele Realität nicht gibt. Dein Auftrag ist dein Auftrag und keiner hat nach Konsens gefragt.
Wenn du mit Menschen arbeitest, prüfe deine Vergangenheit und ihre Parallelen in deinem heutigen Tun.
Das ist keine Aufgabe aus einem Buch über Business. Das ist der Pfad, den du unweigerlich gehen musst, um deine Bestimmung zu leben. Wir sind verwickelt in unsere Geschichte und wir ent-wickeln uns aus dieser verdrehten Welt, die mit unserer Realität verwoben ist.
Vielleicht versuchst du noch, den Markt zu verstehen, die Zahlen zu analysieren und dich der Nachfrage anzupassen. Alles das verpufft in einem Lachen, wenn du endlich verstehst, wie sehr es dich von dir selbst wegbringt. Wenn du den Auftrag hast und ihn nicht verfolgst, wirst du unweigerlich wieder und wieder vom Weg abkommen und den Sinn suchen.
Der Pfad fühlt sich so lange unsicher und kurios an, bis du verstehst, dass es Dein Weg ist.
Wenn ich an meinen Weg denke, ist es die größte Offenbarung, zu sehen, wie ich zu Beginn das sah, was unweigerlich mein Ziel sein würde: ehrliche Menschen, die in einem Kreis sitzen und sich verletzlich zeigen. Für mich waren das die ersten Erlebnisse in Gestalttherapie Abendgruppen. Erst 8 Jahre später wurde daraus das erste Mal meine Realität in Form meiner Workshops und Retreats. Davor war es der Weg, den ich gehen musste, bevor ich irgendetwas zu erzählen hatte.
Ich verbeuge mich heute vor allen verwundeten Heilern, die selbst ihre Arbeit machen, statt dem Funnel-Nerd zu verfallen, der online Kunden per Knopfdruck verspricht. Die, die selbst heilen und diese Heilung weitergeben, arbeiten an der Seele der Menschheitsgeschichte.
Wenn du noch nicht an diesem Punkt bist, sei unbesorgt: dieser Weg kann nicht nicht dein Weg sein. So schräg, verwirrend oder unklar er auch ist, es gibt keinen anderen Pfad eines normalen Lebens, wenn deine Vergangenheit abnormal war.
Deine Bestimmung ist das Gift, das du zur Medizin verwandelt hast.
P.S.:
Falls du dich fragst, warum der Typ aus dem Sex-Podcast so philosophiert, hast du den Jones nicht gehört. Natürlich sind Sexualität und Beziehung interessant und lustig, aber verwechsle die Worte nicht mit dem Gesagten.
Für mich sind diese Lebensbereiche Spiegel und Vehikel der Entwicklung deines Bewusstseins und deiner Persönlichkeit. Meinen Purpose verstehe ich aktuell immer mehr darin, Menschen, die auf einem ähnlichen Pfad sind, zu begleiten.
Falls du Pro bist oder semi-professionell mit Menschen arbeitest oder arbeiten willst und mit den Zeilen dieses Artikels resonnierst, sind die kommenden Texte für dich.
Ich arbeite an einem Programm, das dir hilft, das anzubieten, was nur du anbieten kannst – durch deine Geschichte, deinen Purpose und dein Wachstum mit und an anderen.
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