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Verlasse deine Adaption an fremde Erwartungen

Warum die Gruppe unser Maßstab ist

Als Sozialwesen Mensch hast du eine mentale Achillessehne:

Historisch ist die Gruppe und dein Platz in der Gemeinschaft ausschlaggebend für dein Überleben. Ohne diese Zugehörigkeit warst du noch vor ein paar Jahrhunderten nicht überlebensfähig.

Angenommen, ein Menschenleben wäre rund 100 Jahre lang, dann wohnten deine Vorfahren vor 10 Generationen im Mittelalter; wie der weitaus größte Teil der Menschen in kleinen Dörfern auf dem Land.

Dort gab es keine One-Man-Shows, Einzelunternehmer, es gab keine erfolgreichen TikToker, die mit eigenen Ideen Multimillionäre sein konnten. Es gab den Sozialkörper und jeder Mensch hatte seine Aufgabe im Gefüge aller Menschen.

Individualismus war schwierig bis unmöglich, denn ohne die Wechselseitigkeit durch und mit anderen warst du nichts und niemand. Dieser Mechanismus der Reziprozität ist über 100.000 Jahre Nomadentum in der Gemeinschaft hart in dein Gehirn programmiert.

Wie gestern, nur heute

Heute hingegen könntest du deine Interessen verfolgen, Wünsche erfüllen, Träume wahr machen. Selbst wenn dich alle ablehnen, kannst du dein Ding machen, weil du so gut wie alleine überleben kannst.

Obwohl du das weißt, hast du auch heute noch immer dieses tiefe Bedürfnis nach Zugehörigkeit in dir. Es fühlt sich gefährlich an, von vielen (oder allen) Menschen in deiner Bezugsgruppe abgelehnt zu werden.

Geh los und mach einfach nur, was du willst – und überall lauert die Angst vor Ablehnung.

Um den Schmerz zu vermeiden, passen wir uns lieber an – und verleugnen viele Teile in uns, die wir sind (aber abgelehnt werden könnten). Was du willst und brauchst, kann dadurch so lange in den Hintergrund geraten, bis du selbst nicht mehr weißt, welche Wünsche dich eigentlich wirklich ausmachen.

Oft verändern wir uns dadurch selbst, um in eine Situation – in der Arbeit, Beziehung oder beim Sex – zu passen, statt die Situation für uns passend zu machen.

Unsere Adaption an die Wünsche, Vorlieben oder Erwartungen anderer zeigt sich dann in Sätzen, wie:

„Mir gefällt es, solange es dir gefällt.“

„Ich bin zufrieden mit dem, was ich kriege.“

„Ich nehmen, was du nimmst.“

„Es ist ganz O.K. so.“

Dein ganz O.K. klingt nicht wirklich so richtig begeistert. Du akzeptierst die Limitierungen, die du dir durch deine Anpassung selbst auferlegt hast und lebst mit angezogener Handbremse.

Dann erlebst du vielleicht ein/e Partner/in, die ihre Ansprüche an eure Beziehung durchsetzt, während du im Schlafwandel mitmachst. Das ist vielleicht ein Chef, der dich nicht gerecht entlohnt, aber mehr Leistung einfordert.

Das erlebst du, wenn du etwas von Herzen willst, aber erstmal deine/n Partner/in fragen musst, ob das OK ist. Wenn du einen starken Impuls zu einem Nein hast, aber immer wieder gegen dich verhandelst und im Burnout landest. Wenn dir etwas nicht gefällt, du es aber für das Wohl der anderen erträgst, bist du nichts mehr zu geben hast.

Adaption wäre kein Problem, wenn deine Identität noch wie früher in der sozialen Gruppe begründet wäre und dir nicht überall gezeigt würde, wie andere, die sich von den Erwartungen befreit haben, mehr aus ihrem Leben machen.

Heute erlebst du aber genau das: du kannst mehr sein.

Nein sagen ist das geilste, das es gibt.

Unser Leid ergibt sich oft aus dem Wissen, das mehr ginge – wären da nicht die inneren Limitierungen und Widerstände gegen diese neue Freiheit.

Das wahre Problem mit unserer Adaption ist, dass wir über die Zeit das, was wir wollen, mit dem, was wir akzeptieren können, verwechselt haben.

Der ganz okaye Job, die aushaltbare Beziehung, der ausreichende Sex, die genug Lebendigkeit.

Dass das quatsch ist, hoffe ich, liest du aus den Zeilen selbst heraus.

Das Ergebnis von Adaption ist Passivität und Hoffnungslosigkeit. Menschen werden depressiv, wenn die eigenen Impulse und zugehörige Emotionen negiert, missachtet oder unterdrückt werden. Das ist der Moment, an dem du für dich und für andere gefährlich wirst, denn erst dein authentisches Ich lässt dich „ganz da sein“ – nur dann fühlst du dich nicht ohnmächtig dem Willen anderer ausgeliefert und bist im „Fight or Flight“ Modus gegenüber der Welt. Erst dann kommst du nicht in Situationen, in denen andere ihren Vorteil aus dir ziehen, du deine Grenzen missachtest und dadurch irgendwann die Grenzen anderer missachtest und sie in Situationen ausnutzt.

Sag Nein zum Vielleicht

Es gibt kaum eine Möglichkeit, deine gelernte Dynamik über Nacht in ein neues Leben zu verändern.

Adaption setzt Prägung voraus und wir alle sind geprägt von dem, was unsere Identität um uns konstruiert hat. Deine Grenze, dein Verhalten und deine Glaubenssätze sind mit Menschen über die Zeit entstanden und nur mit Menschen und über die Zeit unterlaufen sie eine konstante Evolution und sind dadurch veränderbar.

Ein erster Hinweis für deine Selbsterkenntnis, dass du vielleicht deine Herausforderungen hast, für dich einzustehen, ist das Wort – vielleicht.

Probleme mit Grenzen und Überschreitungen münden durch ihre Adaptionen in den Zweifel an dir selbst. Übergriffe von anderen werden irgendwann zu Übergriffen dir selbst gegenüber. Der Zweifel an dir – ob vielleicht etwas nicht mit dir stimmt – ist der Beweis für die unsichere Grenze, für die Unsicherheit, wer du wirklich bist.

Wenn du das Gefühl hast, dass …

Du in Situationen oft einen Nachteil erlebst

In oder nach Interaktionen eher Energie verloren hast und müde bist

Andere zu ihrem Vorteil nehmen und du im Gegenzug zu wenig erhältst

Du dich in Diskussionen ausgeliefert oder ohnmächtig fühlst

… dann hast du ein Thema mit deiner Grenze.

Nicht die Verhandlung an der Grenze ist dabei das Problem, sondern deine Wahrnehmung, dass die Situation zu deinem Nachteil verlaufen ist. Das ist das Bewusstsein in dir, das sich meldet und auflehnt.

Dass solche Gewohnheiten und Gefühle dein Leben klein machen, kannst du dir selbst ausmalen. Überall, wo du nicht weißt, dir unsicher bist oder dir nicht traust zu nehmen, was du willst, fällt dein Leben auf die Standards der Menschen um dich herum zurück.

Das ist kein selbstbestimmtes handeln und dadurch erhältst du vom Leben nur so viel, wie andere dir zuschreiben.

Damit du mit diesem Muster brechen kannst und dein Ich innerhalb deiner Grenzen neu bauen kannst, empfehle ich dir folgende Impulse und Schritte zu mehr Eigenmacht und Selbstbestimmung.

1. Erkenne deine Dynamik

Wenn ich dir empfehle, Nein zum Vielleicht zu sagen, meine ich damit: wenn du in einer Situation, Begegnung, Interaktion zweifelst, halte inne und betrachte die Situation. Was passiert wirklich und wie entsteht der Zweifel?

Wie mache ich, dass das passiert? Nicht unbedingt durch dein Zutun, aber durch ein Zulassen entstehen Dynamiken, die machen, dass du dich für die Erwartungen anderer verlässt. Frage dich:

Will ich das, was gerade passiert? Habe ich das gewählt, so zugestimmt?

Wie fühlt sich diese Situation/Berührung/Interaktion an, und was wäre schöner, stimmiger, mir zuträglicher?

Wie würde meine Situation mit den Menschen um mich aus der Vogelperspektive von oben aussehen? Welches System wird sichtbar?

Was würde einer außenstehenden Person als offensichtlich auffallen?

2. Wähle zu wählen

Sicher kennst du Situationen, da hast du eine lauwarme Suppe im Restaurant akzeptiert, obwohl du sie heiß essen wolltest. Im Restaurant ist die Interaktion eigentlich einfacher: Du hast bezahlt und im Menu steht sie als „heiße Suppe“ und trotzdem haben viele Menschen die Tendenz, keinen Ärger wegen ein paar Grad Celsius Suppe veranstalten zu wollen.

Intensiver wird diese Auseinandersetzung im Zwischenmenschlichen. Egal ob beim Dating, in Beziehung oder beim Sex: oft überstehen wir Situationen, die wesentlich kälter als lauwarme Suppe sind. Dein Date ist langweilig oder desinteressiert aber deine Angst vor Konfrontation macht, dass du jede Lücke mit eigenen Geschichten hilflos füllst. Dein/e Partner/in handelt nur im eigenen Interesse und du fühlst dich übergangen und hoffnungslos verstrickt. Dein One-Night-Stand findet deine Klitoris nicht und du erträgst die lustlose Leckaktion.

In jeder dieser Situationen empfehle ich dir als konstante Übung:

1. Entscheide dich, irgendwas zu verändern. Irgendwas deshalb, weil die eine kleine Veränderung dich darauf aufmerksam macht, dass vielleicht etwas größeres in der Interaktion Veränderung braucht. Mag sein, dass deine Veränderung an irgendwas nicht das große Etwas ist, aber auf einer Mikroebene zeigst du dadurch deinem Unterbewusstsein, dass du in der Lage bist, dir dieses Etwas bewusst zu machen.

2. Diese kleine Veränderung kann sein: Im schlechten Date, schlage vor, den Tisch in der Bar zu wechseln. In der Beziehung schlage vor, ein Wochenende gemeinsam zu planen. Im Bett verändere die Stellung, ein Bein, ein Stöhnen, damit etwas passiert.

3. Meistens ist das Etwas, das passiert, die Voraussetzung für alles, was passieren will.

3. Sag proaktiv Nein

Nein sagen ist eine Waffe, die wir bei anderen viel mehr respektieren, als sie zu nutzen, um Respekt für uns einzufordern. Nein sagen ist verdammt kraftvoll, kann irritieren, unterbrechen, aufmerksam machen, dich markieren.

Erst wenn du Nein zu etwas sagen kannst, hat dein Ja Bedeutung. Kein „Ja aber“ schafft ein großes Ja, nur das Nein schafft den Raum für eine neue Präferenz. Die meisten zwischenmenschlichen Probleme entstehen dadurch, dass du zu oft Ja gesagt hast, wo dein Körper Nein sagen wollte.

Das Spektrum zwischen Ja und Nein ist ein Pendel, bei dem du immer von der neutralen Mitte aus agieren willst. Das setzt voraus, dass dein Pendel nicht beim Ja aus der Angst vor einem Nein hängt und du keine Wahl hast.

Um das Pendel zu korrigieren, musst du die Wucht neu tarieren, wie bei einer Waage das Gewicht auf einer Seite durch Gegengewichte ausgleichen. Damit dein Ja wieder voll zum Vorschein kommt, musst du deinen Nein-Muskel trainieren.

Wie das aussehen kann?

In Situationen, die dir zu schnell gehen, in denen du die Luft anhältst und den Moment nur überlebst, sage: „halt, ich brauche da kurz Zeit zum Nachdenken.“

Wenn du im Restaurant eine Suppe bekommst, die dir nicht passt – zu wenig, zu kalt, zu urgh – sage dem Kellner: „etwas stimmt mit dieser Suppe nicht“ und gehe von da aus weiter.

Wenn ein Vorschlag von deinem Gegenüber irgendwie nicht passt, sich komisch anhört oder schlecht anfühlt, sage: „Nein, irgendwie ist das nicht stimmig. Lass mich nachdenken…“

Wenn du Sushi bestellst und dein/e Partner/in dir eine Beilage vorschlägt, die du mögen könntest, sag aus Prinzip „Nein“ und dann wähle eine Beilage, selbst wenn es dann die gleiche ist.

Dein Maßstab entsteht durch Zentimeter 

… und mit jeder Grenze, die du für dich gehalten hast, baust du ein Stück weit mehr dich selbst auf.

Deine Lebenssituation ist ein Kontinuum, ein immer währendes Jetzt mit deiner Persona in der Mitte. Jeder Moment ist eine mögliche Weggabelung. Es gibt jedoch nicht Weg A oder B, sondern Millionen von Möglichkeiten mit nur einem Weg, der durch die Qualität deiner Wahrnehmung entsteht.

Neue Wege entstehen durch die Wahl für das Neue, was oft beinhaltet, etwas gegen unsere Intuition – und dadurch oft gegen unsere Adaption – zu tun.

Wenn das, was du tust, nicht funktioniert, tue etwas anderes. Erkenne deine Dynamik, wähle zu wählen, sag proaktiv Nein und durch das Wegfallen deiner ehemaligen Verpflichtungsgefühle zeigt sich deine eigentliche Präferenz und dein eigener Weg entfaltet sich.

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